Kritik oder Krise – ÖGFA Tagung

ISSSresearch&architecture was invited to give a talk at the ÖGFA Tagung “Kritik oder Krise” in October 2015 in Vienna, Austria.
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Akteure und Prozesse selbstorganisierter Stadtproduktion und ihr Einfluss auf formale Stadtentwicklung | Case Study Berlin

Im Jahr 2050 sollen etwa 75% der Weltbevölkerung in Städten leben. Bereits heute leben große Teile der Bevölkerung der Megapolen in selbst errichteten Stadtteilen. Während das rasante Wachstum ganz besonders die Megacities des Südens betrifft, sind rurale und postindustrielle Regionen vielmehr einem Schrumpfungsprozess unterworfen. Auffallend ist, dass sowohl extremes Wachstum als auch Schrumpfung von ähnlichen Erscheinungen begleitet werden, nämlich einem Zuwachs informeller und improvisierter Praktiken und Räume in der Stadt. Die informelle Stadt, do-it-yourself Urbanismus, die spontane Stadt und ähnliche Begriffe tauchen im Stadtdiskurs der Gegenwart immer öfter auf, werden jedoch meist als Gegensatz zur Stadt und ihren formalen und geregelten Strukturen beschrieben. Diese Dualismen reichen jedoch nicht mehr aus um gegenwärtige städtische Situationen in ihrer gesamten Komplexität zu betrachten und zu verstehen. Die Stadt ist nicht schwarz-weiß und auch nicht informell-formell, sie ist vielmehr eine ausufernde Ansammlung an unterschiedlichsten und auch widersprüchlichen Akteuren, Praktiken, Räumen und Bedeutungen.

Der vorliegende Beitrag geht aus dem Forschungsprojekt Stadtschaum hervor und beschäftigt sich mit den Akteuren und Prozessen informeller und improvisierter Praktiken in Berlin. Aus der Perspektive von Politikern und Immobilien-Projektentwicklern wird Ungeplantes heute oft als Bedrohung für die Stadt ihrer Vorstellungen gesehen: eine Stadt, die in Zeiträumen von Wahlperioden und nach dem Prinzip maximalen Profits funktioniert. Daraus resultierende Stadterneuerungsprojekte orientieren sich daher meist an einem neoliberalen Wertsystem und haben vielfach das Ziel informelle und improvisierte Praktiken und Räume der Stadt zu entfernen oder zu „bereinigen“. In Opposition dazu lässt sich jedoch ein großes Potential in einer konstruktiven Wechselbeziehung zwischen diesen unterschiedlichen Realitäten der Stadtproduktion ausmachen. Informelle und improvisierte Praktiken und Räume bilden eine reiche Inspirationsquelle für Stadtentwicklung und können als konstruktive Experimente auf dem Weg zu einer anpassungsfähigen Stadt gesehen werden, welche sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer orientiert.

An dieser Stelle sei zum Beispiel die Vorreiterrolle der Berliner Hausbesetzerszene für das Programm der behutsamen Stadtentwicklung und damit verbunden der IBA84/87 in Berlin genannt. Doch diese gegenseitige Beeinflussung endet nicht mit dem Mauerfall sondern entwickelt sich immer weiter und findet zum Beispiel im vermehrten Interesse der Stadtverwaltung an der Kultur der Aneignung von Freiraum in der Stadt einen neuerlichen Höhepunkt in der 1990er und 2000er Jahren. In den letzten Jahren erhalten sogenannte Baugruppenprojekte zunehmend Aufmerksamkeit und diese, als Reaktion auf ein unzureichendes Angebot auf dem klassischen Wohnungsmarkt entstandene Stadtproduktionstaktik, hat zunehmend Einfluss auf die Ausrichtung der Stadtentwicklungspolitik, bis hin zu neu aufgelegten Förderprogrammen und Flächenvergabeverfahren.

Neben den Querverbindungen zwischen diesen Beispielen und den sich teilweise überschneidenden Akteuren sollen sie den Fokus des Beitrages verdeutlichen, welcher eben auf diesen Wechselbeziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen zwischen informellen und improvisierten Praktiken und Räumen und formalen Institutionen und Instrumenten der Stadtentwicklung liegt. In der Querschau unterschiedlicher Beispiele können zudem viele Parallelen und Ähnlichkeiten in den Prozessen beobachtet werden.

© Ingrid Sabatier & Stephan Schwarz | ISSSresearch&architecture | Juli 2015


 

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